Testbericht Trek Slash 2021/22
- meph_on_bike
- 14. Jan. 2022
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Jan. 2022

Seit 2016 bin ich begeisterter Enduro-Rider. Mein 2016er Trek Slash 8 stand mir von der ersten Ausfahrt immer treu zur Seite. Ich hatte es zum Edelbike aufgerüstet und unzählige lässige Momente mit dem Bike genossen. Ich muss sagen, das Bike ist mir ob seiner äußerst vielseitigen und ausgewogenen Fahreigenschaften, sehr ans Herz gewachsen. Als Ende des gleichen Jahres das „all new“ Slash 2017 vorgestellt wurde, in Viperred, erstmals ohne Fullfloater Hinterbau und auf 29“ Laufrädern rollend, dafür mit etwas weniger Federweg und minimal längerer Geometrie, musste ich natürlich sofort in ein Testcenter um es. Trotz großer Vorfreude musste ich mir damals eingestehen, so richtig warm werde ich mit dem Teil nicht. An sich war das gar kein Problem, denn ich war ja megahappy mit meinem 27,5er.
Ende 2020 dann die Pressemitteilung: Trek launcht das vollständig überarbeitete 2021er Slash. Mit etwas Pipi in den Augen machte ich mich natürlich sofort an die Recherche, wie die neue Geo geschnitten ist, was eventuelle Optionen anderer Marken wären und wie und wo ich die Karre endlich testen kann. Eine ganze Weile später war es dann soweit: Die Optionen waren gefunden. Mit ins Rennen gingen das Specialized Enduro (auch wegen der durchaus positiven Kritiken der Fachpresse) und das ebenfalls komplett neue Santa Cruz Megatower (zum einen, weil mir die Marke sympathisch ist und zum anderen, weil die Geodaten denen des Slash‘ sehr ähnlich sind. Außerdem fand ich schon das Nomad absolut fantastisch).
Als erstes fiel dann tatsächlich das Speci raus. Die Geometrie war zwar super gelungen, modern und lange. Das Bike fühlt sich allerdings eher wie ein Panzer an. Bergab ist das zwar bei sehr rauem Untergrund durchaus eine feine Sache, wenn man aber etwas mit dem Untergrund spielen, dort und da mal an einer Wurzel oder einem Stein abziehen will, fühlt sich das Bike sehr träge an. Daran hat auch viel Gefummel am Fahrwerk wenig genutzt. Bergauf war es dann schließlich klar: Das Bike macht mit seinem Übergewicht beim Uphill nicht mal dann wirklich Spaß, wenn man es sehr gemütlich angeht – deutlich über 18kg waren es in voll endurotauglicher Konfiguration und das trotz Carbonrahmen.
Ganz anders die beiden verbliebenen Exemplare. Beide bieten viel Pop um auch aktiv fahren zu können, beide sind Dank der langen Geometrie auch auf knackigen Downhills sehr laufruhig. Jedoch mit einigen Unterschieden im Detail:
Mein Megatower Testbike war von seinem Besitzer bereits mit einer Fox38 Factory und dem Float X2 upgegradet, während am Slash noch die Original ZEB von Rockshox und der vom Werk verbaute Super Deluxe Thru: shaft ihren Dienst versahen. Im Fahrverhalten äußerte sich das insofern, als dass das Santa Cruz spürbar sensibler auf kleine Schläge ansprach und bei großen Schlägen wohl auch aufgrund der besser abstimmbaren High Speed Compression am Dämpfer nicht durchschlug. Allerdings war der Hinterbau des Santas – ganz anders als beim 27,5“ Bruder Nomad - trotz Entfernen aller Volumenspacer für mein Empfinden sehr (- für mich zu-) progressiv. Es war nahezu unmöglich den vollen Hub zu nutzen. Das kann man mögen, ich möchte mir das aber gerne aussuchen können. Eine Möglichkeit, die Kennlinie noch etwas linearer abzustimmen, wäre ein Stahlfederbein a la DHX2. Ich jedoch möchte am Enduro unbedingt ein Luftfahrwerk fahren. Einerseits wegen des Gewichts, andererseits um schnell und unkompliziert die Federhärte anpassen zu können - vom Afterwork-Hometrail-Geballer ohne viel Zubehör bis zur Enduro-Tour mit Rucksack und Trinkblase. Die Gabeln arbeiten beide auf extrem hohem Niveau. Die Fox38 ist im direkten Vergleich zur ZEB minimal sportlicher abgestimmt wie ich finde, was sie etwas höher im Federweg stehen lässt. Das ist aber absolute Geschmackssache. Kurz überrascht war ich vom höheren Luftdruck als in meiner 36er, was wohl auf den kleineren Airshaft-Durchmesser zurückzuführen ist.
Die Wahl fiel schließlich auf das Slash, auch weil ich mir mit dem Upgrade auf ein Fox38 /FloatX2 Fahrwerk nochmals einen Performance-Boost versprach. Da ich meine Bikes ohnehin immer nach meinen eigenen Vorlieben aufbaue, war es kein Problem einfach die Teile zu ordern, mit denen ich später dann arbeiten will.
Als dann endlich alle Teile inkl. des Rahmens eingetroffen waren, begann ich mit dem Aufbau. Als Basis kam der Carbonrahmen des Slash zum Einsatz, auf den die Serienmodelle 9.7 9.8 und 9.9 aufbauen. Da ich das Bike vorwiegend für Endurorides einsetzen wollte (für den Bikepark nutze ich ein Session), war Gewicht - wie schon erwähnt - ein Thema. Daher wurde auch bei den übrigen Komponenten das Thema Gewicht nie stiefmütterlich behandelt. So kam der Sram X01 Antrieb (entgegen der grauen Serienkonfiguration mit Roten Akzenten) zum Einsatz. Optisch aufgewertet wurde dieser mit der goldenen Kette sowie dem goldenen Ritzelpaket des XX1 Antriebes. Das Cockpit ziert ein Renthal Fatbar Carbon in der niedrigsten Version, um in schnellen Kurven genug Druck aufs Vorderrad zu bekommen. Das Fahrwerk wurde mit der 38 und dem Float X2 spezifiziert - die 38 mit 180mm statt den serienmäßigen 170mm Federweg und auch aus dem X2 konnte ich etwas Extra-Federweg gewinnen, sodass am Heck nun statt den spezifizierten 160mm gemessene 168mm zur Verfügung stehen. Durch diese Maßnahmen wurde auch der Lenkwinkel noch um ca. 0,7° flacher als am Serienrad.
Bei der Sattelstütze finde ich die hydraulische Anlenkung der RockShox Reverb konkurrenzlos genial, wenn man wie ich nicht noch ans Aufladen zusätzlicher Akkus für eine AXS Gruppe denken will. Auf deren Spitze thront ein Selle Italia SLR Titan mit Kevlar Kantenschutz.
Nach etwas hin und her fiel auch die Laufradwahl auf Carbon, konkret auf die EXC1501 von DT Swiss. Ich durfte diese bereits früher testen und fand die Kombi aus Steifigkeit, Gewicht und trotzdem nicht zu unkomfortablem Fahrverhalten einfach genial.
Lange überlegt habe ich bei der Reifenwahl: die etwas leichtere Maxxis Assengai / Minion DHR Kombi oder die bewährte, aber nochmal schwerere MagicMary / Big Betty Kombi. Die Wahl fiel schließlich auf die Schwalbe Reifen. Entscheidungsgrund war der erfahrungsgemäß schon bessere Pannenschutz. Auf Cushcore Inserts habe bisher beim Enduro verzichtet und - bis auf einen Trail in Nauders - auch nie wirklich vermisst.
Gebremst wird bei mir grundsätzlich mit Maguras gelben Wunderwaffen. Hier mit MT7 Raceline mit HC3 Hebeln und Race Belägen in Kombination mit den MDR-P Rotoren (220mm vorne, 203 hinten). Ich teste zwar immer wieder diverse Alternativen (Saint, Trickstuff Maxima, Code, Hope), jedoch konnte mich bisher keine davon so sehr überzeugen, dass ich einen Umstieg erwägt hätte – wenngleich das alles gute Bremsen sind.
Nach einigen Einstellungsfahrten für das Fahrwerk dann die erste wirklich aussagekräftige Ausfahrt mit dem neuen Gefährt. Bergauf geht es endurotypisch etwas gemütlicher zur Sache. Sicherlich auch, weil der zwar grundsätzlich sehr leichte XL Rahmen mit den DH lastigen Federelementen, den schweren Reifen den Tools, CO2-Kartusche, Ersatzschlauch und Energieriegel im Unterrohrstaufach samt Pedalen und Rahmenschutzfolie dann auf ein Gesamtgewicht von 15,8kg kommt. Trotzdem tritt man verhältnismäßig effizient den Berg hoch, ohne das Gefühl zu haben, hier quasi einen Downhiller hochwuchten zu müssen. Den Plattformhebel habe ich bisher praktisch kaum verwendet, zumal das Fahrwerk gemessen am Federweg kaum wippt und jederzeit super Bodenhaftung generiert. Einzig auf längeren Asphaltauffahrten ist man geneigt, die zusätzliche Effizienz der Plattform zu nutzen.
Bergab dann die Sensation: Das Bike klebt förmlich am Boden! Es fährt sich nicht träge, nicht zu platt, man weiß immer was unter einem passiert und dennoch spürt man förmlich, dass der Bodenkontakt erst dann abreißt, wenn man das auch möchte. Einzig für sehr verwinkelte Trails, wie sie beim Bikebergsteigen auftreten, ist dieses Bike – so wie auch viele andere 29er mit langen Reach Werten - etwas sperriger als beispielsweise mein 2016er Slash. So ehrlich muss man sein. Trotzdem: Die Allroundeigenschaften dieses Gefährts sind fantastisch. Springen, Rockgardens, Drops, zornige Wurzelfelder, alles kein Problem. Selbst die ruppigsten Abfahrten meiner Hausrunde konnte ich – nach nochmaligen kleinen Korrekturen am Fahrwerkssetup - ohne zu bremsen fahren. Einfach draufhalten, selbst wenn man passiv fährt. Das formidable Fahrwerk lässt einem nie im Stich. Trotzdem war es möglich, an Wurzeln abzuziehen und fiese Stellen so einfach zu überspringen. Auch wenn mal eine Landung etwas daneben ging, das Slash war jederzeit sehr tolerant zu mir. Ich hatte bisher nie das Gefühl, „zu viel“ oder „zu wenig“ Bike unter mir zu haben. Natürlich hab ich es auch schon mehrmals im Bikepark krachen lassen. Egal ob Nauders, Saalbach/Leogang, Schladming oder Finale Ligure: Dieses Rig macht derart viel Laune, dass es theoretisch sogar zur „one for all“ Waffe taugen würde. Aber mal ehrlich, wer will schon nur ein Bike 😊
Für wen ist das Slash also geeignet? Wer ein Bike für alle Einsatzzwecke von Enduro-Tour bis Bikepark sucht, ist mit dem Trek bestens bedient. Auch ohne dem Fahrwerksupgrade und im Serienzustand macht es eine tolle Figur und ist dann auch für Fahrer mit weniger Faible für komplexe Fahrwerkssetups einfacher abzustimmen. Wer längeren Ausfahrten und Endurotouren nicht auf seiner Agenda hat, kann das Slash auch mit Coildämpfer fahren und erhält dann noch eine Nuance mehr Sensibilität. Nur wer sehr lange und sportlich den Berg hoch und nicht ganz so extrem schnell wieder runter kommt bzw. Alpencross und co. absolvieren möchte, der wählt am besten eher ein potentes All Mountainbike wie das Fuel EX oder das Santa Cruz 5010. Wer fast ausschließlich shuttelt oder im Park mit Lift unterwegs ist, wird vermutlich auch mit einem von Werk aus nochmal abfahrtslastigeren Specialized Enduro oder Propain Spindrift glücklich. Oder aber man erwirbt für diesen Zweck einfach ein Downhillbike, das dann auch in Summe nochmal stabiler aufgebaut ist.
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